24.7.11

Erinnerung an eine Situation vor zwei Wochen. Ich reise allein nach St. Petersburg und treffe da einen alten Freund namens Tim. Die Art des Zusammentreffens ist zufällig. Wir wissen beide nicht so recht wie wir mit der Situation umgehen sollen. Zwei Menschen, die sich früher einmal gut verstanden haben, jetzt beide ausgespuckt an einen fremden, unwirklichen Ort wie St. Petersburg.
Tim erzählt, er sei hier, um die Universität zu besichtigen. Er denke darüber nach, in St. Petersburg zu studieren.
„Ich wollte einfach nur alleine nach St. Petersburg reisen“, sage ich. Doch damit ist es jetzt vorbei. Ich begleite Tim in das Universitätsviertel. Es befindet sich am Hafen. Tim sieht sich alles viel genauer an als unbedingt nötig. Er fragt vorbeilaufende Professoren viel genauer über die unterschiedlichen Studiengänge aus als unbedingt möglich. So vergeht der Tag. Am Abend fahre ich mit dem Zug zurück nach Hause. So wenig allein war ich noch nie in St. Petersburg.

Zwei Wochen später weiß ich morgens wieder nichts mit mir anzufangen und denke: „Ich könnte ja mal wieder allein nach St. Petersburg fahren.“ Es ist ziemlich kalt draußen, am Bahnhof und im Zug. Mir gegenüber sitzt eine lesende Frau. Obwohl ich ihr gegenüber sitze, kann ich ihr über die Schulter sehen und mitlesen. Es gibt aber wenig interessantes zum mitlesen, also sehe ich nach kurzer Zeit aus dem Fenster. Es schneit nicht, obwohl es passend wäre.
In St. Petersburg angekommen, weiß ich auch nicht so richtig, wohin ich gehen soll. Wie von selbst (oder durch Magie) gelange ich wieder ins Universitätsviertel. Ich setze mich auf eine Bank und beobachte die Studenten. Auf einmal kommt Tim vorbei. Ich rufe nach ihm und denke: „Ich sollte nicht nach ihm rufen, ich will doch allein in St. Petersburg sein.“ Tim erkennt mich und macht eine witzige Bemerkung über Zufälle. Ich frage ihn, ob er jetzt hier wohnt. Er verneint; er sei auch erst heute wieder nach St. Petersburg gekommen.
Unser Gespräch entwickelt sich weiter und weiter und schlägt ab und zu merkwürdige Abzweigungen ein. Wir sprechen unser Zusammentreffen vor zwei Wochen nie direkt an, aber mich beschleicht immer mehr das Gefühl, dass sich Tim gar nicht so genau an mich erinnert.
Tim ruft auf einmal nach jemandem. Derjenige, nach dem er gerufen hat, dreht sich zu uns um und erkennt Tim. Sein Name ist Marko. Tim stellt uns einander vor. Marko will sich zu uns auf die Bank setzen. Er sollte sich neben Tim setzen, weil Tim derjenige von uns beiden ist, den er kennt. Stattdessen setzt er sich in Tim hinein. Tim verfügt nun über zwei Ebenen.
Tim/Marko sagt, er wolle jetzt zu dieser Insel im Fluss laufen, auf der sich diese berühmte Brauerei befindet. Ich folge ihm. Um auf die Brauerei-Insel im Fluss zu gelangen, muss man über drei Brücken gehen. Die ersten beiden Brücken sind ziemlich klassische Brücken. Auf der dritten Brücke befinden sich in Abständen von ca. 10 Metern riesige aus Wolle gefertigte Puppen, die am Mund einen Lautsprecher eingebaut haben. Die Lautsprecher weisen die Fußgänger daraufhin, dass man die Insel nur mit vollem Magen betreten soll, da es dort zwar sehr viel Bier zu kaufen gäbe, jedoch nichts zu essen; und zwar, weil das Restaurant gerade renoviert wird. Ich frage mich, was die Lautsprecher sagen werden, wenn das Restaurant fertig renoviert ist.
Tim/Marko macht sich einen Spaß daraus, die riesenhaften, wolligen Puppen mit Tritten und Hieben zum Wackeln zu bringen. Wir gehen noch eine ganze Weile über die Brücke.
Die Pointe der ganzen Geschichte folgt jetzt, denn das Restaurant war schon lange fertig renoviert, aber niemand saß darin, weil alle ja mit vollem Magen auf die Insel gekommen waren. Die hübschen Serviererinnen lehnten ganz traurig in der Tür und bedauerten das Land, in dem sie groß geworden waren.

Kommentare:

  1. Ich kann dir nicht sagen, wie sehr ich es liebe :D

    AntwortenLöschen
  2. Lieblingsstelle: "Es schneit nicht, obwohl es passend wäre."
    Oder, wie Snoopy schreiben würde: "Es war eine dunkle Nacht. Draußen jaulte kein Hund."

    AntwortenLöschen
  3. Du hast keinen Freund in Petersburg. Du bist immer ein Spaßmacher gewesen und hast dich auch mir gegenüber nicht zurückgehalten. Wie solltest du denn gerade dort einen Freund haben! Das kann ich gar nicht glauben.

    AntwortenLöschen
  4. Ich glaube, St. Petersburg ist toll irgendwie.

    AntwortenLöschen
  5. Vielleicht bin ich ein Gewaltmensch, denn die Seite gefällt mir. Ich werde mich mal beobachten.

    AntwortenLöschen