12.6.13


 
AUF DER GEWITTER
SEITE DES LEBENS

IN DEN SPINNEN
NETZEN HABE ICH
DIESEN SCHWEBE
BALKEN VERSTECKT
GEHALTEN ICH WUSSTE
HIER FINDEST DU IHN
NICHT DU TRAUST DICH
JA NOCH NICHT MAL
DAS BILD EINER SPINNE
ANZUFASSEN UND
ÜBERHAUPT WARUM
SOLLTEST DU EINEN
SCHWEBEBALKEN SUCHEN
ALSO ECHT

12.4.13


 
Dieser Typ taucht also neben mir auf und ruckelt an dem Stuhl rum, auf dem er eben noch gesessen hat. Als wäre er blöd. Er hält inne, inspiziert den Boden, geht zurück zur Bar, kommt wieder, ruckelt am Stuhl, gibt scheinbar auf und fasst sich an den Kopf.
Ich frage: "Suchst du etwas?"
Antwort: "Ja, diese Gummidinger*, die auf den Kopfhörern drauf sind. Aber bleib ruhig sitzen."
Ich stehe auch auf und ruckele an meinem Stuhl rum.
Er sagt: "Wenn man die nachkauft, ist das halt so teuer, wie wenn man die ganzen Kopfhörer nachkauft."
Ich beschließe, genug hilfreich gewesen zu sein und setze mich wieder hin; esse gleichmütig mein Eibrot. Der Fremde guckt noch eine ganze Weile auf den Boden. Dann ergibt er sich seinem Schicksal. Beim Rausgehen noch: "Dann habe ich die wohl mitgegessen."

Ich gehe zur Toilette, an der Küche vorbei. In der Küche steht die Köchin und schält die hartgekochten Eier für die Eibrote. Sie ist alt und blind. Sie hat ihr Gebiss herausgenommen und steckt ein schlampig geschältes Ei zwischen die Zähne. Sie bewegt es hin und her und das Ei wird von allen Schalenresten befreit. Sie ist eine Trickserin.


8.4.13

THE UNCANNY VALLEY


Mein Freund veranstaltet einen Filmeabend zum Thema "Uncanny Valley",
gezeigt werden "Der Polarexpress", "Final Fantasy - Die Mächte in Dir"
und "Beowulf". Mein Favorit ist
der Polarexpress.

Beowulf hingegen ist ein verkackter
Drecksfilm.
Endlich ist er vorbei. Rasch nehme
ich meine sieben Sachen und gehe heim.

Meine sieben Sachen:
- die DVD "Der Polarexpress" (habe ich mitgebracht)
- rechter Schuh
- linker Schuh
- Schal
- Jacke
- Mütze
- geheimnisvolles Kästchen

At Heim versuche ich das mysterious Kästchen zu öffnen.
Da mir ein Schlüssel fehlt, mit einem Brecheisen.
Es bricht, hinaus fallen

kleine Eisenkugeln zum Lutschen.
Lick them, feel sie. Die Kugeln.
Es war kein gutes Geheimnis.



31.3.13

 Die Party  
Am Bahnhof angekommen merke ich,
dass ich noch 10 Minuten Zeit habe bis
mein Zug nach
KIEL METTENHOF
abfährt. Ich stelle mich auf die Mönckeberg-
Seite und rauche meine letzte Zigarette

Bald kommt ein Mann und will auch eine Zigarette.
Ich sage: "Tut mir leid, das war meine letzte."
Er sagt: "Scheiße. Weißt du. Ich bin Kickboxer.
Gleich habe ich einen wichtigen Kampf. Ich brauche
unbedingt 3 Zigaretten, die mein Manager, mein Trainer
und ich nach dem Kampf rauchen können.
Man macht sowas, wenn man gerade gekickboxt
hat." Ich kann dem armen Mann nicht helfen.

In
KIEL METTEN-HOF
gehe ich auf eine Geburstags-Party.
Der Geburtstag-Haber ist nicht gut drauf:
ein Scherz-Keks hat allen Gästen gesagt, 
sie sollen ihm nichts als Ein-Kilo-Pakete
Puder-Zucker schenken. Als ich eintreffe ist
bereits alles voll mit Ein-Kilo-Pakete-Puder-
Zucker-Paketen. Niemand mag mehr tanzen,
weil sich auf der Tanz-Fläche die Pakete 
stapeln. Mangels Platz schütten die Gäste
den Puder-Zucker auf das Buffet. Die Stim-
mung ist auf dem Tiefpunkt. Alle hassen
sich. Boah. Es ist wirklich zum kotzen hier.


Ich will lustig sein und schütte dem Geburtstags-
Haber ein bisschen Zucker auf die Schultern.
"Du hast Schuppen", sage ich. Das rettet den Abend.
Alle lachen. Auch der Geburtstags-Haber.

Es ist so lustig, weil der Geburtstags-Haber eine
Forelle ist. 
Er hat also doppelt Schuppen.


15.3.13

 

Ich war letzte Woche in Ägypten und fand es gut,
dass die Regierung dafür gesorgt hat,
dass an jeder Ecke Felsenwächter stehen,
die mich davon abhalten, etwas zu sehen,
was ich nicht sehen muss. Sie
versperren den Eingang zu den Pyramiden
und wenn man mit den Auto durch das Land fährt,
laufen sie neben dem Auto her und machen Lärm
mit ihren lauten Steinfüßen, um das Blöken der Kamele
zu übertönen und versperren einem die Sicht,
damit man die Wüste nicht angucken muss.

An einem Rasthof hielten wir an,
ich und der Felsenwächter,
und ich bestellte eine Suppe.
Der Felsenwächter nahm mir den
Löffel aus der Hand und zerdrückte ihn
mit seinen gewaltigen Händen.
Dann machte er das Maul auf und 
erzählte von schlimmen Unfällen, 
damit mir der Appetit verging.
Gott sei Dank musste ich diese 
Suppe nicht essen.

Der Felsenwächter sagte:
"Ein Mann ist auf sein Dach gestiegen,
um die Regenrinne sauber zu machen.
Er fiel von seiner Leiter und auf einen spitzen
Metallpfahl. Mit dem Auge voraus.
Er lag da einen Tag aufgespießt, dann
kam ein Hund und aß seine
Füße. Der Hund wurde von einem
Hundefänger gefangen und bei 
lebendigem Leib gehäutet. Den Rest
des Hundes verarbeitete der Hunde-
fänger zu Suppe. Die isst du gerade."

Wir verließen die Gaststube und
der Felsenwächter machte wieder
Lärm mit seinen Steinfüßen und
lief neben dem Auto her.
Wir wurden keine
Freunde.

 
 

20.1.13


Das Innere des Supermarkts empfängt mich kalt und abstoßend. Es ist genauso leer wie auf dem Parkplatz. Bock und Richter sind im Begriff, einen Einkaufswagen in ihren vorläufigen Besitz übergehen zu lassen, während ich mein Erstaunen darüber unterdrücke, dass sich keine Angestellten an den Kassen befinden. Das Unterdrücken scheitert.
Es befinden sich keine Angestellten an den Kassen, stelle ich nüchtern fest.
Bock sieht mich entgeistert an.
Natürlich nicht, sagt er und steuert mit dem Einkaufswagen auf die Alkoholika-Abteilung zu, die Angestellten befinden sich IN den Kassen.
Zur Sicherheit, fügt Richter hinzu. Kennen Sie übrigens das neue Album der neuen Band von dem neuen Label? Es ist ein neuer Sound, der so noch nie dagewesen ist.
Wir müssen damit aufhören, sage ich, alles, was uns halbwegs seltsam erscheint mit bis zur Kritiklosigkeit verzückter Miene abzufeiern.
Ganz recht, ganz recht, stimmt mir Bock zu, Abfeierung tut man nur mit Bedacht und Vorsicht. Man sollte nicht allem Neuen trauen. Oft ist es schon nächste Woche peinlich, das einmal gut gefunden zu haben.
Papperlapp, sagt Richter.
PapperLApapp, sage ich.
Was sagte ich denn!?, fragt R. Er trägt ein hohes Maß Zorn in seiner Stimme und fuchtelt mit den langen, dünnen Armen vor meinem Gesicht herum. Ich möchte feststellen, dass die Erniedrigung einer Musik (und das unbekannterweise) dem Betragen nachkommt, welches auch Politiker an den Tag legen, deren Haltung uns allen Dreien widerspricht.
Welche Art von Politikern?, fragt Bock. Präzisieren sie ihre Wut gegen uns! Untermauern sie Vergleichspersonen mit aussagekräftigen Adjektiven.
Der perfekte Roman, mische ich mich ein, ist der, in welchem jedes Substantiv durch ein davorgestelltes Adjektiv verschärft wird. Die Sprache wird auf diese Art so scharf wie eine frisch geschliffene Messerklinge. Der geneigte Leser sieht jedes beschriebene Bild plastisch und endgültig vor sich. Nicht länger kommt es zu Missverständnissen zwischen Intention und Vorstellung.
Das ist ein anzuzweifelnder Standpunkt, sagt Bock.
Krakeelerisch, sagt Richter. Das Adjektiv, was sie suchen ist krakeelerisch.
Ein krakeelerischer Standpunkt?, frage ich.
Das ist er in der Tat, sagt Bock und nickt Richter zu. Danke für das linguale Auf-die-Beine-helfen.
Sie missverstehen, sagt Richter, das von mir genannte Adjektiv bezog sich auf die Politiker, auf keinen Fall aber auf den Standpunkt, den ich übrigens teile. Ein Roman, angefüllt bis zum Rand mit schmückenden Wie-Wörtern; was wäre das für eine Pracht, zu lesen!
Meinen die Herren denn nicht, sagt Bock, dass sich auf die Dauer eine Art Übersättigung bei den Lesenden einstellen könnte? Und noch frappierender: Sobald der Leser die Technik des Autors durchschaut hat, wird er von seiner Erkenntnis ernüchtert das Buch beiseite legen und womöglich nie wieder aufschlagen.
Dem wirken wir entgegen, indem wir großzügig Kleister auf dem Umschlag verstreichen. Der Leser ist so nicht mehr in der Lage, das Buch beiseite zu legen.
Allerdings, gibt Bock zu Bedenken, wäre er dann auch nicht mehr in der Lage ein weiteres Buch aus ihrer Feder zu kaufen. Ihm sind ja sozusagen die Hände gebunden.
Auch hierfür haben wir eine Lösung parat, sage ich meiner sicher und schmunzelnd, wir bieten das Buch zu einem derartig hohen Preis feil, dass es nicht mehr nötig sein wird ein zweites zu schreiben.
Das ist in der Tat ein guter Plan, sagt Bock. An was für einen Preis haben Sie gedacht?
Ein paar Riesen pro Exemplar müssten es schon sein, sage ich.
Man muss ja auch den Kleister bezahlen, erklärt Richter.
Lohnend, sagt Bock, das ist wirklich ein lohnendes Geschäft. Bei Gott, warum bin nicht ich darauf gekommen?
Wir sind da, gebe ich bekannt, denn wir sind vor einem Regal zum Stillstand gekommen. Ich stehe ein wenig weiter hinten, während Bock und Richter beinahe mit ihren Fußspitzen an die Flaschen stoßen, die im untersten Fach stehen. Sie stehen so dicht beieinander, dass ihre Wangen sich berühren.
Oh, ganz recht, sagt Richter, ich sehe das Alkoholika-Regal direkt vor meinen Augen. Auch spüre ich das Zugegensein von Schnapsflaschen an meinen Zehen. Unser Da-Sein sollte hiermit bewiesen sein.
Sagen wir lieber Angekommen-Sein, sagt Bock, Da-Sein ist ein Begriff, den man leicht falsch auslegen könnte. Übrigens, fügt er hinzu, wenn Sie sprechen, kann ich ihre Mundbewegungen an meiner Wange spüren.
Ich fühle ihren Wangenmuskel auch auf dem meinigen auf und abwippen, sagt Richter, es ist ein schönes Gefühl. Als würde mir eine Frau, die ich einst kannte, über mein Gesicht streichen.
Meine Herren, sage ich, bewegen Sie bitte ihre Wangen auseinander und lassen Sie uns überlegen, welchen Wein wir erhandeln sollen.
Mit einem schmatzenden Geräusch – als würde ein völlig nackter Sträfling sich von seiner Metallpritsche erheben - trennen die beiden ihre Gesichter voneinander und bewegen sich ein paar Schritte rückwärts. Wir stehen nun in einer Reihe vor dem Regal.
Der Wein, sagt Bock, steht in den oberen „Etagen“. Sowohl ich als auch mein guter Freund R hier sind zu klein um dort hinzulangen. Wir sind also auf Ihre Hilfe angewiesen, er bedenkt mich mit einem freundlichen Blick, wenn Sie also so freundlich wären, sich lang zu machen?
Verzeihen Sie mir die Bemerkung, sagt Richter und zwinkert linkisch mit den Augen, aber Sie sind beim Hokus ein ganz schöner Lulatsch.
Ha, sagt Bock.
Meinen Vater hätten Sie sehen müssen, sage ich mit frechem Blick und einem schelmischem Schmunzel auf den Lippen, er war größer als ein Fahnenmast.
Erreichte er die Größe eines doppelten Fahnenmastes?, fragt Richter.
Noch größer war er, antworte ich gewitzt, ich möchte behaupten, er war gewaltiger als acht Fahnenmasten. Mit Hut beinahe neun.
Na, den Hut möchte ich sehen, sagt Bock.